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Online-Dating: wenn nichts wirklich passt

Online-Dating geht in die nächste Runde. sich spontan treffen, vor dem Date nur über Tabuthemen reden, oder die Person schon kennen – was ist wohl besser? Oder lieber keins davon?

Ich haste ins Bad und steige in die Dusche. Wie viel Zeit habe ich nun? 45 Minuten? Und wo ist diese Bar? Ihm habe ich gesagt, ich wüsste wo, habe aber wirklich nur eine Ahnung. „Er“, heißt eigentlich Leo und hat mich vor fünf Minuten über Tinder gefragt, ob ich Lust auf ein Bier hätte. Draußen mit mitgebrachten Getränken, die Bar ist nur ein Treffpunkt. Vergangenen Jahres erstellte ich mir Profile auf Bumble und Tinder, ganz aufgeregt, viele Menschen auf einmal zu sehen. Ich sammelte einige Erkenntnisse, traf mich mit einem Ja-Sager auf einer Bank und hatte erstmal genug. (mehr dazu hier) Nach meiner Online-Dating-Pause bin ich nun wieder aktiv und guter Dinge, coole Leute kennenzulernen und coole Dates zu haben. Wenn ich mich da mal nicht täusche.

Leos Profil gibt nicht viel Preis über ihn. Er scheint wohl ein breites Grinsen zu haben und war schon einmal an einem See, hatte schon einmal ein Handtuch auf dem Kopf. Und hat einen Hund. Oder hat mal ein Bild mit einem Hund gemacht. Aber er ist spontan. Ich mag die Tatsache, dass er einfach nach einem Treffen gefragt hat, ohne viel hin und her zu schreiben.

Als ich an der Bar ankomme, steht dort Leo mit einer Tüte Gummibärchen in der Hand. Ich bin erleichtert, weil er es wirklich ist. Man weiß ja nie. Er sieht auch genauso aus, wie auf seinen Bildern: Kurze Haare, breites Grinsen und ja, nicht mein Typ.

Sympathisch ist, dass er mehr redet als ich

Wir setzen uns auf eine Bank und klären die klassischen Fragen des Datings: Was tut man so, was will man gerne und wie genervt ist man von Corona. Ich bin verblüfft, dass er mehr redet als ich, finde das sympathisch. Wir schweifen vom Klassischen nur geringfügig zu Themen wie Musikgeschmack und Konzerte ab, trotzdem ist es amüsant und wir lachen viel. Dennoch merke ich, dass es für mich nur auf einer freundschaftlichen Ebene läuft. Zum Ende hin wird er leicht betrunken, redet mehr, kauft sich einen Burrito. Er erzählt lange vom Urlaub in Irland mit seiner Familie.

Nach zwei Stunden draußen sitzen und zwei Cidern ist mir kalt und ich habe genug. Zum Weiterführen des Dates hat es mich nicht überzeugt, also verabschiede ich mich. „Es war cool mit dir“, sage ich, er scheint noch einen Satz zu erwarten. Am nächsten Tag schreibt er mir und entschuldigt sich dafür, dass er zu viel geredet hat. Ich biete ihm die freundschaftliche Basis an, überraschenderweise schlägt er den nächsten Tag zum Treffen vor. Es wird dann doch nichts daraus.

Noch auf meinem Heimweg von dem Date bekomme ich eine Benachrichtigung: Ein Björn fragt mich „Hast du ein Thema, über das du stundenlang reden könntest?“. Ich habe vergessen, wer Björn ist und dass ich ihn gematcht habe. Sein Profil: Drei Menschen auf seinem Hauptbild und zwei klassische Portraits. „I like nature, ice swimming and when someone is patting my head. I am in an open relationship“, schreibt er in seiner Bio. Ich frage mich, ob das auf dem Bild seine Freundin ist. Kapitalismus und Intoleranz mag er nicht, meint er. Klingt sympathisch, sieht gut aus, also antworte ich, dass ich gerne über Tabuthemen rede. Ich erhalte keine Antwort.

weitere Konversationen folgen, trott schleicht sich ein

Weil ich Leos spontane Strategie so gut fand, adaptiere ich das Ganze. Im Handumdrehen habe ich ein vermeintliches Date mit einem Videographen, das dann doch nicht klappt. Ich bin enttäuscht, hatte mich etwas gefreut. Online-Dating ist schnelllebig, deshalb schreibe ich gleichzeitig noch mit anderen, einem Journalisten und einem Polizisten. Ihre Namen? Vergesse ich, sobald ich die App schließe. Weitere Chats gehen ins Land, ich erhalte Enttäuschungen, verteile Enttäuschungen und swipe weiter. Währenddessen merke ich, dass Online-Dating nicht mehr aufregend ist. Zwischen meinen Fingerbewegungen und all den Dislikes und Likes, versendeten und erhaltenen Nachrichten hat sich ein Trott eingeschlichen. Die Art Trott, bei dem selbst Tinder und Bumble irgendwann die Puste ausgeht und mir die Algorithmen Menschen weit außerhalb meines Radius anzeigen.

Ich komme mir vor, als hätte ich ein neues Hobby, das mir aber nicht gefällt. Das nur Mittel zum Zweck ist und mir regelmäßig Enttäuschungen in das Postfach schickt. Warum mach ich das hier denn?, frage ich mich immer wieder, während ich eine weitere uninteressante Nachricht beantworte. Genau, die meisten sind uninteressant. Ich kann jeden verstehen, der mir nicht antwortet – auch wenn es mich dennoch immer wieder kränkt. Denn es ist absolut keine Verbindung vorhanden, ich weiß nicht einmal, ob die Person auf den Bildern auch wirklich die Person ist. Wie soll ich mich für Leute interessieren, die für mich nur als digitalen Kasten existieren?

vor leo traf ich mich mit einem typ, den ich früher mal gut fand

Ich muss zurückdenken an ein Treffen, dass noch vor Leo stattfandt, am Ende der ersten Runde. In meiner Heimat swipe ich zum Spaß hin und her, um zu sehen, wen ich so kenne. Klein wie mein Bundesland ist, kennt man jeden fünften von irgendwo her, hat ihn zumindest einmal gesehen. Darunter auch jemand, den ich früher einmal gut fand.

Ich denke mir, kann ja nicht schaden, mal zu schauen, wie es ihm heute geht. Also swipe ich nach rechts, like ihn und…match! Eine Konversation beginnt und wir verabreden uns zum Videochat. Er sieht gut aus, denke ich, während wir darüber reden, was wir so tun und was so passiert ist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Die Konversation ist an manchen Stellen schleppend, aber wir verstehen uns gut. Da ich nicht oft in meiner Heimat bin, nutze ich die Gelegenheit und frage ihn nach einem Treffen.

Zwei Tage später ist es soweit und ich stehe mit einem Backgammon-Spiel vor der Haustür seiner Eltern. Denn er wohnt noch zuhause in seinem Dorf, das Backgammon-Spiel dient dazu, das Eis zu brechen, falls es anfangs merkwürdig ist. Er sieht irgendwie bekifft aus, denke ich, als wir in sein Zimmer gehen. Das ist eher minimalistisch gestaltet, auf der einen Seite steht noch einer von den Holzschreibtisch für Kinder, der selbst mir zu niedrig wäre. „Ich sitze nicht oft am Schreibtisch“, meint er, als ich ihn danach frage. Wir setzen uns auf sein Bett und ich merke, dass die Bettwäsche etwas riecht. Auf seinem Fernseher läuft eine Safari.

ähnlich unserer konversation ist auch das küssen

Es kommt keine Konversation auf, also spielen wir Backgammon. Als dann auch keine Konversation aufkommt, versuche ich das Ganze aufzulockern. Ich versuche, irgendein Konkurrenzdenken anzuregen, was fehl schlägt. Ich finde es eigentlich beeindruckend, wenn jemand nicht gewinnen will. Er reagiert jedoch kaum und ich frage mich erneut, ob er bekifft ist. Wir reden nun über Themen wie Familie und Religion, es ist schleppend. Nach circa vier Runden Backgammon wird es langweilig und ich will nun wirklich wissen, ob er was geraucht hat. Ich lenke das Thema auf Drogen und siehe da, er kifft nicht und nimmt auch sonst nichts anderes. Okay, an was liegt es denn dann? Er ist doch eigentlich cool und nett? Und früher fand ich ihn doch auch so toll?

Wir gehen darin über, Unterwasser-Dokus auf Youtube zu schauen und lesen uns Kommentare dazu durch. Wir wissen beide, auf was das nun hinaus läuft – ich denke zumindest, dass er es weiß. Nach einer Stunde Wassertiere anschauen und meinem Bein, dass immer näher an seines rückt, kommt immer noch nichts von ihm. Also mache ich den ersten Schritt und er erwidert es. Ähnlich wie unsere Konversation ist auch der Kuss schleppend, es harmoniert nicht so. Auch das, was danach kommt, harmoniert nicht so. Danach scheint die Konversation etwas aufgewacht zu sein, aber es kommt in keinen Flow.

wir schreiben noch ein paar wochen

Um vier Uhr morgens kratze ich das Eis von meiner Autoscheibe und fahre nach Hause. Ich bin verwirrt, kann kaum beschreiben, warum nichts so wirklich harmoniert hat? Ich entscheide, mich noch einmal mit ihm zu treffen, bevor ich am nächsten Tag zurück nach Hamburg fahre. Vielleicht muss man sich noch etwas kennenlernen? Am nächsten Tag muss ich das Treffen absagen. Wir schreiben noch ein paar Wochen, aber auch das ist schleppend und er scheint meine Intentionen misszuverstehen. Ich stelle klar, dass wir für mich eher auf einer Freundschafts- als einer Beziehungsebene sind. Schließlich stelle ich fest, dass wir nicht auf einer Wellenlänge sind und antworte nicht mehr. Wenn ich mich daran zurückerinnere, bin ich froh, es versucht zu haben, bin weniger enttäuscht, dass es nicht so recht harmoniert hat.

Zwei Wochen nach dem Date mit Leo erhalte ich doch eine Antwort vom pflanzenliebenden Björn. Er findet meine Tabuthemen-Antwort sehr sympathisch. Ich freue mich und so beginnt eine Konversation über alle Tabuthemen, die uns in den Sinn kommen. Es ist spaßig und aufregend. Wir verabreden uns zu einem Treffen in ein paar Tagen. Ich weiß an diesem Punkt, was er von konventionellen Beziehungsformen hält, ob er nackt schläft und dass man in seinem Umfeld wenig über Hintern redet. Er scheint außerdem Dokus über Einzeller zu mögen. Nichts weiß ich aber darüber, was er eigentlich so tut oder woher er kommt. Das mag ich, es ist aufregend. Es fühlt sich an, als hätten wir ein paar Ebenen übersprungen, die wir bei dem Treffen nun noch einmal belaufen müssen.

Als ich zu unserem Treffpunkt gehe, freue ich mich richtig auf das Date. Und dann sehe ich ihn. Ich sage hey, während ich noch versuche den Typen von seinem Profil in seinem Gesicht zu finden. Während das Gespräch mit Smalltalk beginnt, sehe ich langsam Ähnlichkeiten, die in einem gewissen Winkel so wie die Bilder aussehen (könnten). Er ist nicht mein Typ, denke ich. Das wendet sich bestimmt noch.

gras ist für ihn ein mittel gegen appetitlosigkeit

Die nächsten eineinhalb Stunden spazieren wir am Wasser entlang, als es alle 15 Minuten anfängt zu hageln. Während ich das nervig finde, genießt er es und redet vom Eisbaden, seinem Hobby. Er erzählt von den letzten sechs Semestern in denen er ein Fach auf Lehramt studiert hat, um das gleiche Fach nun wieder von neu zu studieren. „Das ist nicht schlimm, Student sein ist toll“, sagt er. Klingt mir mehr nach Faulheit, denke ich.

Weiter geht’s mit seinem Grasproblem. Die grünen Pflanzen sind für ihn ein Mittel gegen Appetitlosigkeit. „Das ist aber eine schlechte Ausrede“, sage ich. Dem stimmt er zu. Ab dem Zeitpunkt kann ich jegliche Zwischenphase der mehr oder weniger guten Themen nicht mehr wertschätzen. Tabuthemen werden nicht angesprochen, auch ich spreche nichts dergleichen an. Ich bin ernüchtert. Ich dachte, es würde cool werden. „Ich muss noch Mittagessen kochen“, sagt er und ich bin erleichtert. Auf seine Frage, ob ich schon gegessen habe, antworte ich mit „Ja“. Nach dem Date schreibe ich ihm, es würde nicht so harmonieren und er wünscht mir viel Glück bei meinen Zukunftsplänen. Vorfreude ist wohl auch eine Freude, denke ich und schließe unseren Chat voller Tabuthemen.

Zuhause angekommen, bin ich genervt und scrolle durch meine Chatverläufe. Konversationen, die sich verliefen, die nicht interessant genug waren für unsere kurze Interessenspanne. Ich bin von meinem zweiten Versuch zum Online-Dating ernüchtert, angestrengt und mein Daumen tut weh. Mein Fell ist nicht dick genug für diese Art von Enttäuschungen und meine Geduld zu gering für uninteressante Gespräche. Also beende ich diese Runde und frage mich, ob es noch eine weitere geben wird. Vielleicht ist mein Fell dann dicker?

1 Kommentar

  1. teardrxp

    Sehr schön ✌🏻 Lässt sich wirklich gut lesen.Ich denke dass ne Menge Leute die gleichen bzw. ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die ganze Sache echt schnell süchtig machen kann. Ist halt auch aufregend, wenn dir ne Menge hübscher Mädels schreiben wie toll du doch bist. Im Endeffekt wurde ich nur extrem enttäuscht und verletzt, aber das ist ne ganz andere Geschichte. Pass auf dich auf haha, man weis nie wem man dann tatsächlich vertrauen kann.
    Zumindest lass ich mittlerweile die Finger von solchen Apps, hat mir nicht gut getan.

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