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Gedanken nach dem Umzug – leben wir von Akzeptanz zu akzeptanz?

Ich bin umgezogen, aber etwas fühlt sich anders an als sonst. Gedanken über das Leben in Warteperioden und wie wir das Glücklich-Sein in die Zukunft schieben.

Die Lichter, sternförmig, wachsen, verschwimmen, während ich darauf starre und mich frage, ob ich mich an dem Ausblick satt sehen würde. Der Himmel ist tiefschwarz, der Fahrradweg wird von wenigen Straßenlaternen erleuchtet, das Gras ist von Fußstapfen platt gedrückt. Letzte Autos rasen vorbei, die Lichter erleuchten mein Zimmer hell für einen Moment, bis die Autos zu weit entfernt sind.

Ich kann nicht schlafen, sitze aufrecht in meinem bekannten Bett in meinem unbekannten neuen Zimmer und schaue aus dem Fenster. So richtig bewusst ist mir der Umzug nicht. Es fühlt sich an, als hätte eine andere Mary die Entscheidung gefällt, alles einzupacken, alles wieder auszupacken und im Chaos zu sitzen. Als müsse ich das nun alles tun, noch nicht ganz bewusst, noch unsicher, was da kommt. Nicht, dass ich per se uneinig bin damit, was entschieden wurde. Doch ist die Entscheidung so fern.

Nun sitze ich da auf meinem Bett, umringt von Kisten, in denen ich meine Welt von A nach B transportiert habe. Einem Schreibtisch, der noch nach Verpackung riecht und dessen letzte Schraube nicht ganz gepasst hatte und leere Wände, die noch zu füllen sind. Dann ist da noch ein Schränkchen, das ich heute mit meinen Nähsachen gefüllt hatte, freudig, wenigstens eine Kiste leeren zu können, da meine neuen Möbel erst in ein paar Tagen ankommen.

ich warte darauf, es zu realisieren

Ich starre aus dem Fenster, ziehe mir die Decke über die Schultern und warte darauf, dass dieser Moment kommt, in dem mir bewusst wird, wo ich bin und was das hier ist. Draußen auf dem Fahrradweg fährt ein Fahrradfahrer vorbei, vermutlich froh, dass sich um diese Uhrzeit keine Fußgänger mehr auf dem Weg tummeln und erschrocken zur Seite springen müssen.

In den letzten Tagen habe ich ausgemistet (viel zu wenig, wenn ich die schmerzenden Muskeln in meinen Armen beachte), alles möglichst ordentlich in Kisten gepackt (die Hälfte des Gewichts war wahrscheinlich die ganze Zeitung, mit der ich alles irgendwie Sinnvolle eingewickelt habe, hauptsächlich, weil ich den Überraschungseffekt des Auspackens mag), Videos davon geschnitten und mich mehr oder weniger von jedem Staubkorn verabschiedet.

Heute morgen war ich dann freudig, in dem Transporter zu sitzen. Ich freute mich auf etwas Neues, einen Szeneriewechsel. Trotz aller Hochgefühle, die das Neue mit sich bringt, fühlt sich irgendetwas anders an. Irgendetwas übt Druck aus. Während ich weiter die Lichter draußen beobachte, wird mir bewusst, was es ist: Ich bin es nicht mehr gewohnt, das Gefühl zu haben, ein Zuhause zu hundert Prozent mögen zu müssen.

in den vergangenen Jahren war es anders

In den vergangenen zweieinhalb Jahren war es okay, eine Umgebung nicht ganz so ansprechend zu finden und einfach, mich mit wenig zufrieden zu geben. 2018 fing ich an zu reisen, von Hostel zu Hostel, alles war temporär und mein Zuhause wohl eher mein Rucksack und mein damaliger Freund. Es war leicht, sich jeden Tag oder jede Woche aufs neue zu entscheiden, was mein Zweitzuhause sein sollte. Zum einen war es aufregend und frei und auch genau das, für was ich mich entschieden hatte. Aber war es auch einfach, da ich die Location nicht toll finden musste, es war ja nur temporär.

Und dann ging es ein Jahr später zurück nach Deutschland, um für einige Monate in Hamburg zu leben, da ich noch nicht wusste, was danach kam. Aus den Monaten wurden dann irgendwie temporäre eineinhalb Jahre, in denen ich nie wusste, wie lange ich noch da bin. Das war teilweise stressig. Irgendwie konnte ich nicht richtig ankommen, war immer zwischen verschiedenen Orten.

Ich war aber auch nicht unzufrieden, die Situation hatte ihre bequemen Seiten: Ich musste nicht alles mögen. Und sich toll einzurichten lohnte sich ja kaum für die folgenden drei Monate, also musste ich auch keine passenden Möbel kaufen, dachte ich immer. Und dann das gleiche wieder die drei Monate danach. Mein Zuhause war sowieso dort, wo die eine Person, meine Kamera oder mein Laptop waren.

Doch was erzeugt nun den Druck? Zuvor konnte ich vieles, was mir in einer Wohnsituation nicht gefiel, mit dem Argument des Temporären abtun, konnte es einfach akzeptieren. Auf manche Situationen bezogen macht das Sinn, als Gast in einem Hostel jetzt nicht die Wand streichen zu wollen beispielsweise.

Nun aber möchte ich meine Wohnsituation mögen, hier gilt nicht mehr das Argument des Temporären. Das ist anstrengender, jetzt muss ich mich tatsächlich darum kümmern.

Wie einfach es ist, die Verantwortung von sich zu schieben

Ich stehe auf und drehe die Heizung hoch, setze mich wieder hin und überlege: Nicht nur auf die Wohnsituation bezogen ist das Leben mit einer Situation, die einem nicht gefällt, sehr bequem, wenn man sie nicht verändern will. Findet man einmal eine Rechtfertigung, warum eine eigene Lebenssituation akzeptabel ist, so kann man getrost die Verantwortung von sich weg schieben. Und schwupps, muss man sich nicht mehr entscheiden, sich nicht mehr darum kümmern, hat man das Missfallen einmal akzeptiert. So lässt es sich einfach weiterleben.

Ist es nicht eigentlich der absolut leichteste Weg durchs Leben zu gehen? Tun das nicht so viele Menschen? Von einer Akzeptanz zur nächsten leben? Oft genug fand ich mich in einer Konversation wieder, in der es darum ging, zu erklären, was man gerade so tut, wie es so läuft und was mit dem Leben anzufangen ist. Dann scheinen viele ihre Handlung auf die Sache selbst mit Worten wie „Ach ist ja nur eine Ausbildung“ zu reduzieren und auf die Zukunft hinzuweisen, die danach noch existiert. Es scheint nicht wirklich das zu sein, was sie tun wollen, doch akzeptieren sie es einfach und leben weiter.

Vielleicht ist es bequem und einfach, doch schieben sie das tatsächliche Glücklich-Sein in die Zukunft. Sie weisen auf ihr Nicht-ganz-zufrieden-Sein hin, welches aber ja „nur temporär“ ist. Als müsse man erst einmal warten, um dann endlich etwas für das tatsächliche Glücklich-Sein zu tun.

wie ist das bei mir? Lebe ich von Akzeptanz zu Akzeptanz?

Ich stehe auf, lehne mich mit den Armen auf die Fensterbank und drücke die Nase gegen das Fenster. Verhalte ich mich auch so? Suche ich öfter nur nach irgendeiner Ausrede, irgendeiner Rechtfertigung, um nichts ändern zu müssen? Springe ich ebenfalls von Akzeptanz zu Akzeptanz und schiebe so mein Glück in die Zukunft?

Es ist nicht so, als würde ich mir nie Gedanken über Alternativen machen, sonst wäre ich nun nicht hier, gerade umgezogen. Jedoch war der Grund des „Temporären“ doch oft dominant. Auch in Situationen, in denen es vielleicht kein Argument ist.

Grundsätzlich neige ich zwar eher dazu, meine Meinung durchsetzen zu wollen. Aber wenn ich so darüber nachdenke, tue auch ich eigene Lebenssituationen trotz Missfallen einfach so ab und akzeptiere sie. Oder aber finde Gründe warum das gerade nicht geht und lebe weiter. Und das, obwohl ich weiß, dass die Veränderung mich glücklicher machen würde.

Was tue ich nach der Akzeptanz und während des Weiterlebens? Warten? Ich befinde mich dann in Warteperioden, bis dann.. ja was überhaupt? Auf was warte ich? Auf was warten andere? Was erwarten wir von diesen Warteperioden, die nur auf unqualifizierten Rechtfertigungen basieren?

Natürlich müssen wir Dinge ausprobieren, um zu wissen, was wir wollen und was nicht. Aber wir neigen dazu, von Akzeptanz über Kompromiss zu Akzeptanz zu wandern nur weil es einfacher zu sein scheint. Aber ist es nicht unheimlich traurig, wenn man sich immer wieder entscheidet, dass es nicht die Zeit dafür ist, zufrieden zu sein? Dass nun eine weitere Warteperiode folgt, in der sich weiter nicht mit Alternativen beschäftigt wird? Oder einfach nur gewartet, bis hoffentlich irgendwas vor die Füße fällt, was die Situation ändert?

“Umgezogen bin ich ja schnell”, aber was kommt danach?

Was wenn sich das durch das ganze Leben zieht, ob es nun kleine Missfallen sind, oder aber größere Entscheidungen? Nur weil man sich nicht die Arbeit machen möchte, tatsächlich etwas zu finden, was gut ist? Oder haben wir Angst davor, das es uns möglicherweise doch nicht gefällt, wenn wir uns einmal entscheiden?

Ich lege meinen Kopf auf meine Hände, schließe die Augen. Draußen fahren keine Autos, es ist still. Ist das nicht auch meine Angst? Ist das nicht Teil des Drucks, den ich nun bei diesem Umzug verspüre? „Umgezogen bin ich ja schnell“, sage ich immer. Aber was ist mit dem, was danach kommt? Allem, was nicht mit Kisten schleppen und packen zu tun hat. Dem Prozess des Ankommens, des Zuhause fühlens und des Glücklich-Seins. Was wenn es nicht so ist? Was wenn nach der Entscheidung dann doch nur Enttäuschung kommt?

Es ist vermutlich die Angst des Austretens aus der Comfort-Zone, die mich hier wach sitzen lässt. Und vielleicht auch das Verlassen einer Warteperiode, die durch das Temporär-Argument begründet war. Aus einer ferneren Perspektive betrachtet, ist es doch auch nur ein Zimmer irgendwo für eine vergleichsweise kurze Zeit.

Ich schaue mich in dem Chaos in meinem Zimmer um und denke, dass ich mich hier wohlfühlen werde. Und wenn nicht, kann ich ja immer noch umziehen.

2 Kommentare

  1. Dr. E. Tuchborn

    Cooler Text. Feiers dass er so leicht ist. Und cool dass du deine Selbstreflektion mit der “Fenstersituation” unterstreichst 🙂

  2. Amir

    I found your thoughts interesting, just a fact alone that you take your time to
    Sit back look at em from above and then start sharing em here is pretty admirable.
    However aside from complements, i personally BELIEVE that big changes always come after big Moves/Risks and it could be referred to a hit on still water..
    The bigger the impact the more and the higher volatility…
    The future is unknown and the past is an illusion.
    Our life time based on Cosmic scale is shorter than a minute..
    It’s not meaningless yet impossible to reach and find the answer..
    In this huge mess of particles, all the beings, loving and hating hearts,
    Selling and buyings, living and dying, running on circles and sometimes denying… i found out the only thing that keeps everyone going is the 4 letter word, H.O.P.E, #No.Matter what the outcome..

    I also found out, all these days and moments of feeling lost or Down, or afraid or even broken, are nothing but consolidations for our fundamentals.

    Life is way too short to live afraid or in doubt, so i follow my heart wild and free.
    It might sound a bit cheesy, but The simple truth based on our highest level of perception is, we are ALL connected and it’s all About Love.
    That’s were we came from, why we’re here and where we’re going.

    Setting these codes as our compass, while truly believing in them, will Answer to so many questions and lighten our way. Help us out of loneliness and out fears and impacts our decisions. Once your realized how temporary you are you will struggle to try out everything, enjoy taking any risk, and living it up to its fucking Fullest.

    Cheers

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