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Ist Online Dating nur ein weiteres Like-Portal?

Daumen bewegt sich nach links und nach rechts: Das passiert in Sekundenschnelle und nennt sich wohl Online-Dating. Ein Text über die tolle(?) Auswahl und was bei den Dates herumkam.

Der Daumen bewegt sich nach rechts, Urteil wird gefällt, Daumen bewegt sich nach links und dann wieder nach rechts: Das passiert in Sekundenschnelle und nennt sich scheinbar Online-Dating. Was eher nach sportlichen Übungen für die Finger klingt, gibt es in vielen verschiedenen Ausführungen. Alle Welt kennt die App mit laut statista 557.000 aktiven NutzerInnen in Deutschland, die Menschen miteinander verknüpft oder auch „matcht“. Alles nur über eine Daumenbewegung. Meine Meinung dazu war immer eher negativ behaftet. Habs dann doch ausprobiert und gemerkt, wie sich das Ganze so wandelt.

Mitte dieses Jahres, als die Corona-Regeln gelockert wurden, die Situation aber immer noch einschränkend war, empfiehl mir eine Freundin die App „Bumble“. Für alle, die sie nicht kennen: Vom Prinzip her funktioniert sie ähnlich wie Tinder, man swipt nach rechts um eine Person zu liken, nach links, wenn man nicht interessiert ist.

meine intentionen waren einfach

Als die App mir empfohlen wurde, sagte mein von Vorurteilen behaftetes Hirn sofort: „Nein, ich gehe doch nicht auf eine Dating-App. Das ist nur was für andere Menschen!“.

Vorurteile hin oder her, Corona ging mir irgendwann so auf die Nerven, dass ich mich gleich bei zwei Plattformen anmeldete und nun auch zu den Swipern zähle. Meine Intentionen waren simple: Ich wollte neue Leute kennenlernen.

Anfangen tut das Ganze ja erstmal wie eine klassische Bewerbung: Ein ansehnliches Bild von dir selbst, mit dem du dann das richtige Gegenüber überzeugst und eine tolle knackige Beschreibung.

Bilder und Beschreibung änderte ich also um die zehn Mal, bis es bei einer zwei Sätze langen Bio und einem Urlaubsbild endete. Ich entschied mich, ganz klassisch etwas über meine Essgewohnheiten zu schreiben und mit einem „Immer Lust auf…“ zu enden und war recht zufrieden.

ich fragte mich, warum hatte ich überhaupt vorurteile?

Na dann konnte es ja losgehen. Es war aufregend, ganz viele Menschen, die ich noch nie gesehen hatte. Und alle von ihnen auf einer Plattform, um auf verschiedenen Ebenen Leute kennenzulernen. Fand ich erstmal gut. Dahin waren meine negativen Vorurteile, ich war plötzlich verwirrt, warum ich überhaupt welche hatte?

Dann hatten sie alle nur ihre beste Seite zu zeigen: Der eine inmitten eines Gruppenbildes, der andere ganz ernst vor seinem neuen Schlitten, oder weniger ernst auf der Motorhaube mit der Bong. Klickt man zum nächsten Bild, so schaut man in das tiefste Innere eines jeden einzelnen: Die Muskeln angespannt, oberkörperfrei wird der Kopf zur Nebensache und ist gar nicht mehr zu sehen.

die beschreibungen fielen, sagen wir, ‘interessant’ aus

Auch die Bios fallen immer recht kreativ aus und lassen einen jeden im Glanz erstrahlen, aber vor allem in all ihrer Größe. Nämlich 1,90, 1,80 oder 1,85 Meter.
Von Witzen über Ananas-Pizza und flauschigen Pullovern zum kostenlosen (!!) Ausleihen gar nicht zu reden. Während die einen die Bio mit ihrer Bewerbung verwechselten und so also beschreibende Adjektive aneinanderreihten, beweisen andere ihre Multitaskingfähigkeit und geben nur ihren Instagram-Namen an. Denn da sind sie ja sowieso „viel aktiver als hier“. Viele scheinen sich mit der Aussage “Corona made me do it” rechtfertigen zu wollen, oder geben nicht einmal ihren richtigen Namen an.

Auch beim anschreiben musste ich mir was einfallen lassen

Inmitten all dieser Goldstücke gab es für mich doch einige, die ich mit einem Like versah. Zeigte Bumble oder Tinder mir dann einen Match an, freute ich mich und schrieb einige an. Wie viele nebenbei in ihrer Beschreibung anmerken, ist „Hey“ nicht mehr genug und hier muss man nun herausstechen und kreativ werden. Denn Leute, Matches sind doch jetzt Massenware.
Euphorie machte sich breit, als mich auch einige kontaktierten.

Ich bin wirklich schlecht darin, zeitnah zu antworten, wenn das Gespräch nicht das Interessanteste ist. So gingen viele Gespräche ins Land, ohne je Individualität oder die Abwesenheit dieser entdecken zu können. Bei einigen der Matches hatte ich schon wieder vergessen, warum ich sie gelikt hatte, vielleicht ausversehen? Andere antworteten mir nach einer Nachricht nicht mehr und dahin war die Euphorie.

Das anfängliche Aufregende schwand mit jedem Swipe nach links (Dislike). Die Animation, die für ein Match über den Bildschirm läuft, löste immer weniger Glücksgefühle aus und ich drückte sie schon so automatisch weg, als hätte ich gar nicht erst gelikt. Wie schnell das ging. Wie schnell sich eine App zum Menschen kennenlernen in ein weiteres Like-Portal verwandelte.

Ich wurde so verurteilend. Oder gar nicht urteilend, sodass nur Unpassendes in meinem Postfach landete. Gleichzeitig swipte ich viele Kerle nach links, die ich vermutlich in echt ziemlich cool fände, die sich aber vielleicht einfach nicht gut darstellen können.

Ich fragte mich, welche Bilder meine Freunde verwenden würden, ob ich sie liken würde? Menschen, die ich in der analogen Welt mag, würde ich sie auf Tinder/Bumble mögen? Es kam mir so vor, als müsste man sich nur gut verkaufen können, um auch die Likes zu bekommen, die man haben möchte.
Und dieses Anschreiben und nicht Antworten scheint eine Generationenkrankheit (mich eingeschlossen) zu sein.

dann war ich doch erfolgreich, bis zu einem gewissen Grad

Dann fing ich endlich einmal an, mit jemandem zu schreiben, mit dem ich mich gut verstand. Was das Schreiben angeht bin ich eher weniger multitaskingfähig, so blieb es über Wochen also bei dem einen. Corona und unserer Entfernung geschuldet, verabredeten wir uns zu Videochats. (Willkommen in der Zukunft, Vorteil: Eigentlich muss man sich nicht einmal eine Hose anziehen.)

Einer von diesen wurde von Akkuproblemen regelmäßig unterbrochen, aber das passiert wohl in der Zukunft. Thematisch gesehen spielten sich die Gespräche zwischen alten Schulgeschichten, Büchern, Anarchie, Religion und personenbezogenen Sachen ab. Ziemlich gute Bilanz würde ich sagen. Er entsprach eigentlich meinem Geschmack (sofern ich das durch einen Videochat beurteilen kann), ein bisschen nerdig und smart, aber auch witzig.

Verlief sich dann irgendwie, Entfernung, Corona und dem Interesse geschuldet. Ich war etwas enttäuscht, aber so ist das eben. Also weiter.

ich verabredete mich zu einem weiteren Date

Wieder endeten einige Gespräche nach einem Tag oder drei Nachrichten. In meinem Fall sind das typische Fragen zu Fotografie, mit was man sich eben so beschäftigt, oder warum man denn hier sei. Schnell angeschrieben, aber auch schnell abgehakt.

Bis ich mich dann zu einem Date verabredete. Von ihm überzeugt war ich nicht, aber hey, ein Versuch war es wert. Wir hatten kaum geschrieben, sondern uns direkt getroffen, was um einiges angenehmer ist als ewiges Nachrichten schicken.

Bars und Cafés waren aufgrund von unserem geliebten Virus geschlossen, also spielte sich das Ganze auf eine Parkbank ab. Wohlgemerkt eine Parkbank, die eine Stunde mit der Bahn von mir entfernt war. Das Date begann mit einem Gespräch über den jeweiligen Tagesablauf und Ähnlichem. Scheinbar nahm er am Movember teil, denn den Schnurrbart mit dem er aufkreuzte, hatte er auf den Bildern nicht. Nicht, dass mich das störte, es war nur etwas verwirrend. Es ging weiter mit Debatten über das Gras-Alkohol-Mysterium (warum was legal oder illegal ist) und Geschlechterrollen.

Ich merkte recht schnell, dass mich das Gespräch langweilte und auch, dass dieser Typ seine Meinung immer meiner anpasste. Er fand etwas merkwürdig und verwerflich, ich fand es ganz plausibel und schon fand er es auch plausibel. Jedes Thema fand er ein wenig zu aufregend, er schien immer extra happy, extra betroffen und extra ernst zu sein. So als wolle er jemanden überzeugen. Das Date endete dann nach eineinhalb Stunden mit den Worten „Ist ganz schön kalt“ und irgendeiner Ausrede meinerseits.

Ich meine, er war nett, nur nicht mein Ding. Hab ihm irgendwas mit „wir harmonieren nicht so“ gesagt und die Sache war abgeschlossen. (Ein Appell an alle: Sagt einfach, wenn es nicht passt, seid keine feigen Nüsse.)

Meine Meinung ist nicht ganz klar

Die Möglichkeit hat was, sich eigentlich recht spontan zu einem Date verabreden zu können. Auch wenn bei mir nun kein weiterer Kontakt dabei rumkam, so ist es doch eine coole Sache. Was den Weg zu einem Date angeht, bin ich zwiegespalten:

Beim digitalen Dating dominiert anfangs der Vorteil der Qual der Wahl und der Fakt, dass alle Nutzer ähnliche Intentionen haben. Ein jeder kann Alter, Geschlecht und Entfernung der Personen auswählen, die man kennenlernen möchte. Vorgefiltert nach sexueller Orientierung erscheint eine große Menge an Menschen auf unserem Bildschirm, die schnell gemocht oder nicht gemocht werden kann.

digitales dating kommt nicht an analoges heran

Bis es dann Matches in Massenware verwandelt und sich verschiedene Verhaltensweisen einschleichen, was dem Ganzen die Magie und irgendwie die Zwischenmenschlichkeit nimmt. Plötzlich hat man ganz andere Maßstäbe, wird irgendwie wählerisch und oberflächlich. Ich meine, man beurteilt Menschen nach ihren Bildern, was erwarte ich?
Aber dennoch: Wie viele Menschen mag ich außerhalb der digitalen Welt, die von sich sagen, sie hätten keine schönen Fotos und könnten auch keine knackige Bio von sich schreiben? Genug ist die Antwort. Und wie viele von diesen würde ich im Endeffekt liken, würde ich sie nicht kennen?

Digitales Dating wird analogem Dating nicht gerecht, hat aber seine Vorteile und damit den Größten: Es ist nutzbar, während Bars und Clubs geschlossen sind. Und auch für die eher Schüchternen da draußen sind Dates mit digitalem Dating einfacher zugänglich.

Nun mache ich eine kleine Coronapause vom Online Dating. Ich melde mich zurück, sobald ich neue Erkenntnisse habe. Wer weiß, vielleicht kommt ja etwas richtig Merkwürdiges?

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