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Je offener, desto nackter. Welche intentionen birgen sich hinter NAcktheit auf Instagram?

Bilder auf Instagram zeigen imme rmehr nackte Haut. Leider ist die direkte Verbindung zu etwas Sexuellem noch immer viel zu dominant in unseren Köpfen verankert. Ich verspüre den Drang, dem Trend der virtuellen Nacktheit zu folgen, doch wie viel möchte ich zeigen?

Ob halb nackt oder nur die Geschlechtsteile bedeckend: Nacktheit tritt auf Instagram und anderen sozialen Medien in verschiedensten Formen auf. Schon lange kann es nicht mehr auf direktem Wege mit etwas Sexuellem verbunden werden. Leider ist dieser Gedankengang noch immer viel zu dominant in unseren Köpfen verankert. Ich verspüre den Drang, dem Trend der virtuellen Nacktheit zu folgen, doch wie viel möchte ich zeigen? Und wie stünde es dann um meine Privatsphäre?

Bereits vor zwei Jahren habe ich mich mit dem Thema “Nacktheit auf sozialen Medien” befasst. Vermehrt stieß ich auf Beiträge auf Instagram, die halbnackte Menschen zeigten. Ich wusste nicht genau, was ich davon halten soll, da auch ich diese Beiträge mit sexuellen und selbstdarstellerischen Intentionen verband. Ich überlegte, was ich in meinen Bildern auf Instagram zeigen möchte, was ich mit der Welt teilen möchte. Ich kam zu dem Entschluss, mich nicht nackter als mit einem Bikini zu zeigen. Bis heute habe ich kein Bikinibild von mir in meinem Feed, immer kam ich mir komisch vor.

Nun bin ich erneut an dem Punkt angekommen, an dem ich mich frage: Wie viel möchte ich mit der Welt teilen? Fakt ist, meine Beziehung zu meinem Körper und zum Internet haben sich verändert. Wie das mit dem älter werden kommt, akzeptiere ich mich mehr und bin selbstbewusster, gehe offener mit meinem Körper um. Aber ist das der Grund, warum ich auch auf Instagram mehr zeigen würde?

Meine Meinung zu der Plattform hat sich ebenfalls geändert. Auch hier bin ich offener und selbstbewusster geworden, traue mich mehr und nehme es nicht mehr so wichtig, was andere denken könnten. Vieles sehe ich nun als künstlerischen Ausdruck an.

Aber bin ich so künstlerisch offen geworden, dass auch ich Bilder posten möchte, auf denen man mehr nackte Haut sieht? Oder ist es nur der Drang, einem Trend zu folgen? Wie mit den Radlerhosen, die ich anfangs unheimlich komisch fand und nun selbst eine im Schrank habe?

Das Wort „nackt“ wird definiert als „ohne Bekleidung“ oder „unbekleidet“. Nacktheit beginnt also an dem Punkt, an dem Haut unbedeckt ist, für andere sichtbar.

Warum aber laufen wir nicht alle nackt herum? Folgende drei Gründe stellten sich für mich heraus: Zum einen ist da die praktische Seite. Ohne Jacke im Winter wäre es immerhin ganz schön kalt und die Sitze in den Bussen sind angenehmer, wenn vorher nicht schon tausende Geschlechtsteile darauf gesessen haben. Selbst wenn wir die praktischen Gründe vergessen würden, so dürften wir nicht einfach so unbekleidet vor die Tür.

die Grenzen erlaubter NAcktheit sind festgelegt

Denn im deutschen Gesetz ist definiert, wie nackt wir an welchen Orten sein dürfen: In deiner Wohnung darfst du so viel Haut zeigen wie du möchtest. Wenn es in der Öffentlichkeit niemanden stört, so ist es prinzipiell erlaubt. Ruft aber jemand das Ordnungsamt, so muss man sich dann wohl oder übel etwas anziehen. Ein wenig nach dem Motto: „Wo kein Richter, da kein Henker“. Öffentliche Orte sind alle die, an denen uns andere Menschen sehen können, also auch der eigene Balkon oder der – wenn auch nur spärlich besuchte – See. Dem Gesetz liegt die Annahme zu Grunde, dass sich Menschen an Brüsten, Geschlechtsteilen und dem Hintern stören. So wird in 2020 natürlich niemand zurechtgewiesen, der seinen nackten Arm zeigt. (Gesetz zur Ordnungswidrigkeit//Artikel von bento/spiegel)

Mir geht es nun vor allem um die „virtuelle Nacktheit“, das Zeigen von den Körperteilen, die im Alltag bedeckt bleiben auf sozialen Netzwerken wie Instagram. Zum Beispiel Bilder von weiblichen Brustwarzen oder den Hintern. Ich beziehe mich auch auf Bilder, auf denen die Unbedecktheit benannter Körperteile impliziert ist. Der Betrachter weiß also, dass die Person obenrum nichts trägt, es ist aber beispielsweise durch Blumen bedeckt.

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Die praktischen Gründe für Kleidung fallen im Internet weg

Auf Instagram sind die Regeln ähnlich wie im deutschen Gesetz: Zeigt jemand zu viel nackte Haut, so wird der Post entfernt. Auch hier sind die Grenzen unerlaubter Nacktheit definiert, womit im Prinzip von pornografischem Inhalt unterschieden wird. So ist beispielsweise das Zeigen von Sexszenen verboten, alle Arten von Geschlechtsteilen, aber auch weibliche Brustwarzen.

Für alle, die das noch einmal genauer nachlesen möchten: AGBs von Facebook für Instagram zu Nacktheit und sexueller Handlung

Dass wir uns nicht immer und überall nackt zeigen, hat also praktische Gründe und ist auf die Regeln zur Nacktheit zurückzuführen. Hinzu kommt noch unser Intimitätsgefühl: Die Körperteile, die wir nicht zeigen dürfen, möchten Viele auch bedeckt halten. Wir sehen sie als „intim“ oder „privat“ an.

Auf sozialen Medien fällt der praktische Aspekt von Kleidung weg. So bleibt folglich nur der persönliche Wunsch nach Bedecken der Körperteile und die oben genannten Regeln, die unsere Nacktheit eingrenzen. Der Drang nach mehr Nacktheit scheint auf Instagram aber zu steigen. Immer mehr User zeigen sich nackt, zensieren nur die unerlaubten Körperteile.

Die Verbindung zwischen unserer Offenheit und dem Wort “Intim”

Ich denke, mit der Offenheit der Gesellschaft steigt immer auch die Freizügigkeit. Beeinflusst unsere Gesellschaft somit unser Intimitätsgefühl? Je offener unsere Gesellschaft wird, je mehr Haut wir zeigen, umso weniger Nacktheit wird noch mit „intim“ betitelt und somit aus diesem Grund bedeckt?

Intim ist ein Wort, mit dem man selbst eigene Momente, Gefühle oder geteilte Nacktheit bezeichnet. Man selbst ist somit der Beurteiler. Wenn es nun um die Nacktheit eines anderen Menschen geht, wie können wir diese beurteilen? In meinem Kopf schallen Sätze wie „Das ist doch zu intim“ und „Sollte das nicht privat bleiben?“, wenn es um negative Kritik geht. Wie bereits gesagt, kann Nacktheit nicht mit dem Wort „intim“ beurteilt werden, ohne das der Andere Intimität beabsichtigt. Beispiel dafür wäre gemeinsame intime Nacktheit in Verbindung mit Sex. Durchaus kann man diese Momente mit „intim“ betiteln.

Nicht aber die bloße Nacktheit eines Anderen. So lässt sich Nacktheit nur an Worten wie „privat“ messen, sofern man nicht die Intentionen des Anderen kennt.

Wenn dem so ist, so ist auch virtuelle Nacktheit nach den dahintersteckenden Intentionen zu beurteilen und natürlich wie sie dargestellt wird. Vor drei Jahren bewertete ich alle Beiträge virtueller Nacktheit ohne dabei mögliche Intentionen in Betracht zu ziehen. So kam ich zu einer eher negativen Beurteilung dieser – das war falsch. Denn ein Bild auf dem ein nackter Mensch zu sehen ist, sollte nicht immer mit etwas Sexuellem verbunden werden. Auch nicht auf sozialen Medien.

Mögliche Intentionen der Posts werden vergessen

Das Internet strotzt nur so vor pornografischem Material und so entdecken Viele sexuelle Intentionen hinter virtueller Nacktheit, wo keine sind. In dem ganzen triebgesteuerten und konservativen Denken werden andere möglichen Intentionen der Posts dann vergessen. Oft begleitet von abwertenden Gedanken wie „Die will doch sowieso nur Aufmerksamkeit“ und der Bewertung „freizügig“.

Durchaus gibt es Menschen, die mit weniger Kleidung auf sich aufmerksam machen wollen, ganz nach dem Motto „Sex sells“. Aber treibt vor allem die riesige Menge an Künstlern und Fotografen, die sich auf Instagram angesammelt haben den Trend der virtuellen Nacktheit nach vorne.

Nacktheit als Mittel gegen Perfektionswahn

Schon lange wird Nacktheit als etwas rein Ästhetisches in Fotografien oder Gemälden dargestellt, oder beispielsweise als Zeichen der Verletzlichkeit. So wird Nacktheit auch in sozialen Medien als künstlerischen Ausdruck benutzt. Aktbilder zieren die Feeds der Fotografen und Künstler.

Ich wurde zudem auf andere Intentionen aufmerksam, die mich zum Nachdenken anregten: Mit Beiträgen zu Hashtags wie #samebodydifferentposes wird versucht, dem auf sozialen Netzwerken herrschenden Perfektionswahn entgegen zu wirken.

Wer den Trend nicht kennt: Primär Frauen setzen zwei Bilder ihres Körpers nebeneinander, eins davon in einer vorteilhaften Pose. Auf dem anderen positioniert die Person sich auf eine neutrale Art und Weise. Man möchte damit und mit ähnlichen Beiträgen mehr Akzeptanz für alle Arten von Körpern schaffen und Bodyshaming aus den Köpfen radieren. (Es lässt sich drüber streiten, ob dies eine wirksame Methode ist oder nicht.)

Virtuelle Nacktheit wird außerdem dazu verwendet, unbekleidete Körper „normal“ zu machen, es nicht mehr als brisant anzusehen. Und dementsprechend das unmittelbare Implizieren von sexuellen Intentionen zu vermeiden. Auf sozialen Medien wie auch in der Öffentlichkeit.

Zusammenfassend wird mit virtueller Nacktheit – neben der „Sex sells“-Absicht – gegen Bodyshaming angegangen, versucht, dem Perfektionswahn entgegenzuwirken und mehr Nacktheit der Normalität nahe gebracht. Es wird versucht, mehr Offenheit und Freiheit zu schaffen.

Möchte ich mein stück Privatsphäre durch virtuelle NAcktheit abgeben?

Aber geben wir mit dem Posten von virtueller Nacktheit nicht auch ein Stück Privatsphäre ab? Oder denke ich das nur, weil das Internet immer als etwas Böses, Unvergessliches dargestellt wird, mit seinen Platformen und seinen Millionen anonymen und nichtanonymen gemeinen Nutzern?

Und richtet sich unser Gefühl für Privatsphäre – ähnlich zum Gefühl der Intimität – nicht nach der Gesellschaft? Möchte ich mein Stück Privatsphäre abgeben für nicht intim und unsexuell dargestellte virtuelle Nacktheit in meinem Feed? Ist es für mich überhaupt wirklich Privatsphäre oder habe ich nur Respekt vor dem Bösen, dem Unvergesslichen und dem allbekannten Bereuen?

Auf der anderen Seite ist das Netz ein Meer aus abgegebener Privatsphäre. Wir lassen unser Leben, unsere Wünsche, unsere Essgewohnheiten und vieles mehr mit allen anderen wirr umher schwimmen.

Dinge sind schneller vergessen als man gucken kann, verschwimmen unter Posts aus aller Welt oder sinken auf den Grund des Informationsmeeres und bleiben dort für immer.

Man sollte nicht alles posten und teilen, das ist sicher, aber würde ich in diesem Fall überhaupt auffallen?

Denn meine Menge an virtueller Nacktheit, die ich bereit bin zu zeigen, ist vergleichsweise so gering. Und ist ebenso mit meinen moralischen Vorstellungen vereinbar, da ich es nicht aus „Sex sells“-Gründen tun würde.

Willkommen zu meinem Stück implizierte virtuelle Nacktheit, als künstlerische Ausdrucksform,die diesen Beitrag begleitet. Denn meine Grenze hat sich verschoben. Wird sie es weiter tun?

Australien 2019

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