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Kalter Kaffee

Wie unser heißgeliebtes Getränk vernachlässigt wird und wir einfach so weiterleben. Bis wir es dann doch nochmal versuchen. Eine Kurzgeschichte.

In der Kanne brodelt es, Dampf steigt auf, die Küche füllt sich mit dem allbekannten Duft. Verschlafen nehmen unsere Sinne den Geruch von Kaffeebohnen wahr und werden langsam wach, freuen sich auf das Heißgetränk, sind erleichtert. Denn bevor der Trank nicht durch unseren Körper fließt, kann man mit uns Nichts anfangen. Coffee first!

Die Kanne füllt sich mit dem braunen Heißgetränk, dafür nehmen wir gerne unsere beste Lieblingstasse aus dem Schrank. Ob mit Zucker, Milch, Hafermilch, Milch aus Sojabohnen (vielleicht sogar Karamell-Sirup?), geschäumter Milch oder ganz schlicht schwarz: Wir lieben unser tägliches Ritual. Sofort setzen wir die, nun mit unserem Liebling gefüllte Tasse an den Mund und fühlen uns zuhause.

JEANNE

in the summer rain

Die Morgenroutine ruht in dem Becher, der Krümel dreht in unserem geliebten Heißgetränk seine Runden und wir leben unser Leben schon weiter: Alle möglichen Plattformen überfliegen wir nach Neuigkeiten, schreiben unsere erste To-Do-Liste für den Tag oder begeben uns sogar schon vor die Tür. Währenddessen verwandelt sich unser „Ich-könnte-nicht-ohne-dich-Freund“ vom dampfenden Erlebnis in einen kalten See. Beschäftigt wie wir sind, merken wir es nicht einmal. Wenn es dann soweit ist, dass wir eine Sekunde inne halten, widmen wir uns wieder unserem Wachmacher.

EMMY

EMMY

Beim Treffen der kalten, nun sehr unbeliebten Milchsuppe auf unsere Zunge, zucken wir zusammen und ziehen ein Gesicht nach dem Motto „Was ist das denn?“. Als hätte man uns ein scheinbar süßes Kaffeestückchen angeboten, in das wir genüsslich hinein beißen. Nur um dann zu merken, dass es eines von den fischgefüllten Teigteilchen ist, die sich normalerweise in zahlreicher Form am Rande einer Bäckereivitrine befinden. Zahlreich, weil nur ein kleiner Teil unserer Gesellschaft mutig genug ist, diese zu mögen.

EMMY

Nachdem wir unser Zitronengesicht abgelegt haben, über den Geschmack in unserem Mund hinweggekommen sind, überkommt uns das schlechte Gewissen. Denn es ist doch unser heißgeliebter Freund, unser Start in den Tag, den wir da verschmähen. Unsere Routine, die nun ein nicht so genüssliches Ende haben soll? Wir haben uns doch so darauf gefreut, darauf gewartet.

EMMY träumt vom Reisen

Damit können wir uns nicht zufrieden geben und wärmen ihn wieder auf. Mit jedem Grad, den der Kaffee an Wärme zurückgewinnt, schwindet unser schlechtes Gefühl.

Erneut legen wir die Lippen an den Becher mit dem nun wieder dampfenden Warmgetränk und nehmen lächelnd einen Schluck.

Warm!

Zufrieden freuen wir uns darüber, dass die Welt sich wieder dreht, alles wieder seine Bahnen läuft.
Dieses Mal werde ich ihn nicht kalt werden lassen!, sagen wir uns.

Nach ein paar Schlucken müssen wir jedoch zugeben, dass das Getränk nicht mehr so gut schmeckt wie zuvor. Er war schon einmal kalt gewesen. Und das schmecken wir (denken wir zumindest, Placeboeffekt?). Aufgewärmter Kaffee ist und bleibt eben nur aufgewärmter Kaffee.

Die letzten Schlucke kippen wir den Abfluss hinunter, seufzen noch einmal und leben dann weiter.

Bis zum nächsten Kaffee.

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