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Mein Traum vom Weltstillstand und dem Journalisten-Dasein

Für zwei Wochen konnte ich meinen angeblichen Traum vom Homeoffice austesten. Ist es vielleicht weniger traumhaft, als ich dachte?

Umringt von Schleifpapier, einer leeren Polaroid-Packung, Pinseln und anderen tollen Ablenkungen. Dann noch die Sachen, die tatsächlich auf einen Schreibtisch gehören: Meine Notizen, Laptop und Stifte liegen vor mir. Ich habe nicht etwa aufgezählt, was ich noch alles aufräumen muss. Dank Corona ist das aktuell mein Arbeitsplatz, an dem ich in einer Latzhose sitze. Tatsächlich ist das – wie es andere Menschen nennen würden – „Chaos“ nicht das, was ich in Frage stelle. Es ist viel mehr dieser Traum vom Homeoffice, der für mich immer Freiheit bedeutete. Denn für zwei Wochen konnte ich meinen angeblichen Traum austesten: Anlässlich meines Praktikums habe ich von zu Hause recherchiert, telefoniert und Berichte geschrieben. So wie ich mir das Journalisten-Dasein immer vorgestellt habe. Ist das Homeoffice-Konzept vielleicht weniger traumhaft, als ich dachte ? Und auch ohne Praktikum bleibe ich weiterhin zuhause – Traum oder Alptraum?

Mit der Entscheidung meines Chefs, ich solle aufgrund von Corona von Zuhause aus arbeiten, kam ich zu dem Entschluss, nun weniger in den Supermarkt zu gehen und soziale Kontakte zu meiden. An sich hatte ich damit kein Problem, ich kann manchmal ein Stubenhocker sein. Das Konzept Homeoffice war in meinem Kopf mit so vielen Möglichkeiten gleichgesetzt. Kochen wann immer ich wollte, draußen in der Sonne arbeiten, kein hastiges Einkaufen mehr und kein Heimweg im Dunkeln. Täglich sparte ich mir die drei langen Stunden Fahrtzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Denn die Redaktion, in der ich bis vergangenen Freitag Vollzeit Praktikum machte, ist etwas weiter entfernt. Ich konnte entspannt frühstücken und kann meinen Schreibtisch sowieso in nur 30 Sekunden erreichen. Zu arbeiten begann ich um die gleiche Zeit wie sonst auch: Ab 10 Uhr recherchierte ich, telefonierte und schrieb Berichte. Und hatte ich keine Aufgaben auf der To-Do-Liste mehr, war ich sofort daheim, musste mich nicht erst einmal auf den Heimweg machen. Endlich fühlte es sich an, als hätte ich was vom Tag. Fühlte sich so professionell an. So frei!

Hamburger Hafen, als die Welt noch nicht still stand

Soziale Distanz und Ablenkungen machten mir zu schaffen

Doch der Schein trügt. Am Ende der ersten Woche fehlte mir schon das Arbeiten umringt von Menschen. Am Ende der zweiten Woche fühlte ich mich immer noch frei, aber auch in meiner Freizeit soziale Kontakte meiden zu müssen, machte mir zu schaffen. Oft brauche ich das Treiben in der Stadt, die Menschenmenge, die lebt, aktiv ist und ihre täglichen Erledigungen macht. Inmitten all der Menschen fühle ich mich dann wieder lebendig. Es ist so viel einfacher, motiviert zu arbeiten, wenn alle um dich herum das Gleiche tun. Wenn man sich austauschen kann.

Und dann noch diese kleinen Ablenkungen, die meine Konzentration rauben – ach wie ich sie liebe. Einige von euch mögen nun denken, es sei mein multifunktioneller Schreibtisch. Ich sage es euch, mein Arbeitsplatz ist es nicht! Denke ich zumindest.

Aus dem Konzept Homeoffice ergeben sich so viele Möglichkeiten, für mich zu viele. Während meiner Arbeit kann ich mich auf so viele andere Sachen konzentrieren. Mit meinen Mitbewohnern reden, kochen, essen, nur ganz kurz meinem Freund einen Kuss geben, nur ganz kurz raus in die Sonne. Und sie kehrte nie wieder zu ihrem Schreibtisch zurück. Naja, tut sie doch. Ich brauche dann nur einen großen Topf an Motivation und circa zehn Minuten, bis mein Kopf sich wieder eingefunden hat.

Ich habe einfach zu wenig Disziplin, aber es lässt mich so viel freier fühlen. Das Homeoffice-Konzept bedarf noch Training, wenn ich diesem Wunsch folgen will. Am Ende des Tages habe ich in den vergangenen Wochen trotz allem meine Arbeit erledigt. Das Journalisten-Dasein entspricht auch einfach meinem Traum, Homeoffice oder nicht. Hat mich aber umso mehr Motivation und Konzentration gekostet.

Jordan

Fazit: Vielleicht ist Homeoffice doch nicht so einfach, wie ich dachte. Mit der Idee lässt es sich auch so schön anfreunden. Vielleicht nicht für jeden Tag, die Kommunikation fehlt mir. Aber zuerst einmal wird jetzt zuhause geblieben. Auch ohne Praktikum, denn das hat nun geendet.

Die neue Situation des weltstillstands

Nun stehe ich vor einer neuen Situation: Ich kann meine Stunden mit so viel mehr füllen. Aber mit was? Wie man das macht, hatte ich vergessen. Wie sucht man sich möglicherweise etwas völlig Neues? Ich weiß gar nicht wohin ich da zurückdenken sollte. Wann hatte ich das letzte Mal die Zeit für so ziemlich alles? Wann erlaubte ich mir das letzte Mal nichts zu tun und hatte dabei keine Gewissensbisse? Schon baut sich jedoch der altbekannte Druck auf: Ich muss mich doch nun sinnvoll beschäftigen. Wie all die anderen, die jetzt Sport machen, Bücher lesen, sich bilden. Stattdessen habe ich das vergangene Wochenende damit verbracht, in der Sonne zu sitzen oder Serien zu schauen. Während ich in der Sonne saß. Und fühlte mich etwas schuldig.

War das sinnvoll genug? Waren das die Beschäftigungen, die man so tun sollte, wenn ein Virus über die Welt herrscht? Und weiter: Mich stört der Hausarrest doch nicht so sehr. Sollte er? Mir erscheint es, als sei es die Challenge der Nation, als müssten alle Menschen neue Methoden erfinden, um glücklich zu sein. Als würden sich Alle darum sorgen, was sie nun zuhause tun sollen. Ungeachtet bei dieser Aussage die Menschen, die um ihren Job und ihren Lebensunterhalt bangen müssen.

Ja, es nervt, dass ich das Treiben in der Stadt nicht mehr beobachten kann. Und auch, dass mein Trip nach Berlin flach fällt. Aber – und vielleicht bin ich da die Einzige – ich muss sagen: Endlich! Ich habe das Recht nichts zu tun. Mir nimmt das diesen Drang, in ständiger Bewegung sein zu müssen, das Meiste aus meinem Tag machen zu müssen.

Die Welt steht ein wenig still. Ich habe in den letzten Tagen festgestellt, dass sich das gut anfühlt. Und es wird mir definitiv langweilig werden. Jetzt geht es jedoch an all die anderen Beschäftigungen, für die ich in den letzten Monaten keine Zeit hatte. Morgen: Ich streiche meinen Schreibtisch grün. Darauf freue ich mich. Und vielleicht bilde ich mich auch, mache Sport und lese Bücher. Vielleicht auch nicht, denn die Welt steht ein klein wenig still und ich genieße es (noch).

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