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ich habe mich zu einer verwöhnten Ziege entwickelt – So wie alle anderen

Eine Welt vollgestopft mit individuell angepassten Problemlöser-Gadgets. Wie alle anderen lasse ich mich scheinbar gerne damit verwöhnen.

Unsere Welt wird mit individuell angepassten Problemlöser-Gadgets, die unser Leben einfacher und immer bequemer machen sollen, vollgestopft. Währenddessen streben wir natürlich dazu, diese Bequemlichkeit eines technischen Butlers in allen Lebenslagen wiederfinden zu wollen.

Mein Tag – ich glaube, da bin ich einer von vielen – endet oft vor meinem Laptop oder irgendeinem Gerät, das die App mit dem roten N als Logo betreibt. Fast automatisch sucht mein Maus-Cursor das Logo, oder mein Daumen den rot-weißen Knopf auf der Fernbedienung. Dort schaue ich dann nahezu gelangweilt und gleichzeitig überwältigt von der Auswahl nach einem Film oder einer Serie, die mich gut unterhalten kann. Ich scrolle nun durch all die Medien, vorbei an den bunten spezifisch ausgewählten Bildern und jeder individuell für mich gefüllten Kategorie.

Und dann werde ich genervt, wenn die App mir zum tausendsten Mal den gleichen Film anwirbt, denn den hatte ich doch letzte Woche schon geschaut ! Unter „Empfehlungen für Sie“ finde ich auch nichts und frage mich zum wiederholten Mal, warum dieses dumme Teil nicht besser meine Gedanken lesen kann ?

Bis ich dann auf „Meine Liste“ zurück greife, in der Filme und Serien abgespeichert sind, die ich irgendwann einmal ausgewählt habe. Dabei merke ich, dass ich alles darin doch auch schon geschaut habe. Schon völlig genervt gebe ich mich mit irgendetwas oder dem schwarzen Bildschirm zufrieden, nur damit ich nicht mehr durch die Startseite scrollen muss.

Dennoch, ich bezahle nicht ohne Grund jeden Monat eine Gebühr: ich mag es, gewisse Filme zur Verfügung zu haben und immer die Möglichkeit zu haben, darauf zuzugreifen und ebenso neue zu entdecken, von denen ich noch nie gehört habe. Aber seit einiger Zeit kann ich mich nur noch darüber aufregen, die Auswahl treffen zu müssen.

Eine andere Möglichkeit der Unterhaltung wäre natürlich der Fernseher. Als Zuschauer kann ich nichts außer dem Kanal entscheiden und das fühlt sich ja recht befreiend an. Mir wird die Entscheidung abgenommen. Jetzt aber mal ehrlich, was ist denn aus unserem Programm geworden ? Entweder ich bin zu gewöhnt daran, selbst auswählen zu können, oder es laufen immer nur noch die selben veralteten „How I Met Your Mother“-Folgen. Und die gleichen Reality-TV-Shows bei denen es vermutlich mehr Sinn machen würde, uns als Zuschauer dafür zu bezahlen, die atemberaubenden Schauspielkünste anzuschauen, als die Darsteller selbst.

Und dann bringt alle zwei Monate der gleiche Sender eine neue Game-Show raus, in der noch ein Star gegen noch einen Fan antritt und dessen neues Konzept ja doch so verschieden sein soll. Kein Wunder, dass die Firma mit dem rot-weißen Aushängeschild mittlerweile 145 Millionen Benutzer hat, wenn man sich im Fernsehen
ausschließlich auf die Wissensshows verlassen kann, um unterhalten zu werden.

Ebenso genervt war ich von der anderen App, für die ich regulär Geld bezahle: Die mit dem grünen Kreis spielt mir jeden Tag meine selbst ausgewählten Songs. Alle natürlich in mehrere Playlists gefiltert. Wenn ich mal nicht weiß, für welche davon ich mich entscheiden sollte, kann ich ganz einfach der App meine Stimmung einflüstern und sie spuckt diverse Song-Ansammlungen aus. Angeblich bereiten mir diese dann den besten Morgen, oder motzen das Duschen zur reinen Party auf. Hier baut sich jedoch das gleiche genervte Gefühl in meinem Körper auf: Jetzt muss ich etwas auswählen, muss damit zufrieden sein, will damit zufrieden sein und werde auch nur enttäuscht sein, wenn ich eben nicht glücklich damit bin. Auch hier wusste ich irgendwann nicht mehr, was ich noch klicken sollte.

Ich wollte doch nur mein gutes altes Radio zurück. Der kleine Kasten, der ausspuckt was auch immer er will. Ich habe da kein Mitspracherecht. Das nimmt mir so viel Anspannung. Es würde mir jeden Tag mindestens fünf Minuten meiner Zeit sparen, in der ich durch alle Genres dieser Welt scrolle und mich mit nichts anfreunden kann.

Doch wenn ich dann das Radio anschalte, um von meinem Problem erlöst zu werden, habe ich sofort einige Sachen zu bemängeln: Jetzt reden die schon wieder,nach nur drei Songs. Nun spielen sie den gleichen Song wie vor ein paar Stunden und ach nur diese dummen Hits ! “Das Lied ist von 2010 und komplett veraltet !“, kommt mir dann auch noch in den Sinn.

Mir wurde bewusst: Ich bin eine verwöhnte Ziege.

Verwöhnt und gewöhnt an zu viel Bequemlichkeit. Jedoch die Abos der Unterhaltungsprogramme kündigen kommt dann irgendwie doch nicht in Frage. Ich greife lieber immer wieder auf die Applikationen mit dem grünen Kreis und dem roten „N“ zurück. Denn so schlecht sind die auf mich angepassten Songs und die mir empfohlenen Serien ja doch nicht. (Aber selbst entscheiden muss ich immer noch.)

1 Comment

  1. Annette

    Liebe verwöhnte Ziege,
    ausschalten ist eine gute Alternative oder wieder selber singen, malen, tanzen, laufen, spazieren, lesen, anderen Leuten denen es auch so geht auf die „Nerven“ gehen oder einfach nur Löcher in die Luft starren.

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