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AUSTRALIEN – Ein kleiner, guter Kulturschock

“Strand und Sonne” war mein Bild von Australien, bevor ich dort unten ankam. Meine erste große Reise auf der Suche nach Freiheit.

“Strand und Sonne” war mein Bild vom so fernliegenden Australien, bevor ich letztes Jahr im September dort unten angekommen bin. Ich muss zugeben, ich habe mich weder politisch noch geographisch gesehen sehr viel über das Land informiert. Dadurch habe ich auch ziemlich dumm und überrascht ausgesehen, als ich im dortigen Winter in Melbourne angekommen bin und ich lange Hosen und eine Regenjacke anziehen musste. “Warum ist es denn jetzt so kalt ?” und “Was ein Glück, das ich überhaupt lange Hosen eingepackt habe”, waren meine ersten Sätze.

GREAT OCEAN ROAD
GREAT OCEAN ROAD
(jordan)

Sonniges Wetter hin oder her, etwas Anderes zog mich nach Australien. Mittlerweile wurde es teilweise zur Normalität in Deutschland nach der Schule ein „Working-Holiday“– Visum zu beantragen. Um dann ab nach Neuseeland oder Australien zu fliegen, um sich selbst finden oder vielleicht auch nur um Party zu machen. Ich strebe häufig dazu, zu etwas „Nein“ zu sagen, wenn es anfängt zum Trend zu werden. Dieses Mal bin ich froh, dem Trend gefolgt zu sein.

Seit einer gefühlten Ewigkeit empfand ich es beengend hier. Ich wollte etwas Anderes, wollte mehr als nur mein kleines Bundesland sehen. Ich wollte ans andere Ende der Welt fliegen.

Von meiner kleinen Umgebung -in der man schnell und mit kleinen Dingen herausstechen kann- in eine der größten und vielfältigsten Städte Australiens.

Man hat nicht nur alle Möglichkeiten, die man sich vorstellen kann, aber gibt es auch alle möglichen Menschen. Man kann sich dann dort entweder verloren fühlen, oder genau zu Hause angekommen.
Während ich durch die Straßen lief und in all die Gesichter von aller Welt schaute, durchströmte mich ein riesiges Freiheitsgefühl. Die Freiheit des neuen Landes, sogar Kontinents und all der zu dem Zeitpunkt ungelebten Erlebnisse.

GREAT OCEAN ROAD
(tobi)
NOOSA
(jordan)

Dennoch war es nicht ganz so einfach, wie ich dachte, einen Job zu finden. Ich musste merken, dass sich in dieser großen Stadt im Prinzip niemand darum schert, wer du bist oder was du kannst. Das ist nun der „verloren fühlen Teil“ des Ganzen. Denn man ist weder der einzige Backpacker, noch die einzige Person aus einem anderen Land. Ich realisierte, dass einfache Dinge mich dort nicht besonders machen.

Neben den üblichen Dingen des Lebens, die man so lernt, habe ich einen kleinen, aber guten Kulturschock erlitten. Lässt man sich auf das Land ein, so ist es nicht nur Sonne, Strand und Great Barrier Reef. Australien ist unheimlich vom Tourismus geprägt. Natürlich nicht nur Menschen, die dort Urlaub machen. Es gibt unheimlich viele, die ein Visum nach dem anderen beantragen. Gibt ja genug Möglichkeiten.

Wenn man dort unten aus einem anderen Land kommt, ist das nichts Besonderes. Es ist normal und man fühlt sich nicht nur sehr willkommen, sondern auch einer von Vielen. Ein wenig wie Berlin, nur in etwas größer. Dabei merkt man dann auch, wie sehr sich das Land vor allem von all den Menschen mit Visum ernährt. Das ganze Prinzip „Hostel“ ist darauf aufgebaut. Teilweise sind keine Australier in dieser Art Unterkunft erlaubt, damit es exklusiv für Internationale bleibt. Manche Regeln machten für mich keinen Sinn: Einige Hostels legten fest, wie viel Liter der Rucksack, mit dem man reist haben sollte und ließen so auch mich nicht in ihr Hostel. Dabei hatte mein Gepäckstück sogar 55 Liter.

Was man so als allbekannter Backpacker Australiens als Ziele und Hintergründe hat, ist von Person zu Person unterschiedlich. Alle haben jedoch ein Streben gemeinsam: Wir wollen neue Menschen und Eindrücke kennenlernen.

Dafür eignet sich das Hostel unglaublich gut und man lernt schnell, wie man seine Kontaktängste mit Fremden ablegen kann, denn im Prinzip sitzen alle im selben Boot.

Salz musste ich auch nie kaufen. Das beschreibt das Leben dort ziemlich gut, denn kostenloses Salz kommt dann vom „Free Food Shelf“, der aus hinterlassenen Essenstaschen aufgefüllt wird. Dort habe ich dann auch schon unbenutzte Kondome gefunden. Wichtig an dieser Stelle ist zu sagen, dass man die natürlich nicht essen sollte.

So eine Tasche wurde dann entweder vergessen, oder war einfach zu viel zu tragen. Das hört sich unheimlich seltsam an, wenn man nicht dort gewesen ist. Doch glaubt mir, so spontan wie alles ist, kann man auch mal sein Essen vergessen, oder sich über einen Salzstreuer freuen.

Beim auswärts Essen stellt sich dann Folgendes heraus: Das Land hat fast keine eigene Essenskultur. Ich nehme an, das hängt damit zusammen, dass es noch recht jung ist und so geprägt von Menschen aus anderen Ländern.

Australien wurde nämlich erst vor 119 Jahren gegründet. Ursprünglich wurde der Kontinent als Strafkolonie von den Briten genutzt. Es entstanden weitere Kolonien wie WA, Tasmanien oder South Australia. Immer mehr Menschen wanderten aufgrund von Goldvorkommnissen freiwillig ein und so war es nicht mehr möglich, das Land für Sträflinge zu verwenden. So wurden die einzelnen Kolonien imemr unabhängiger und im Jahr 1901 wurde daraus dann “Federal Commonwealth of Australia”.

Zudem bekommt Australien so viel Input von anderen Ländern, vor allem Asien und England, dass es scheint, als würde sich daraus deren Esskultur ergeben. Vielfältig und zusammengesetzt aus aller Welt. In einem Land/Kontinent. Ich finde das unglaublich. Eine Kultur aus so vielen anderen Kulturen.

An Charakter fehlt es Australien jedoch auf keinen Fall. Hier komme ich auf meinen kleinen, aber guten Kulturschock für mich als Deutsche zu sprechen. Ich beschreibe Deutschland mal unter dem Klischee der Genauigkeit, Effizienz und Pünktlichkeit. Wir neigen dazu, zu geplant und strickt durch das bewegende Leben zu gehen. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ ist Leitspruch Nummer eins. Das macht für mich alles zuerst Sinn, aber hey, ich bin ja auch hier aufgewachsen.

Unsere Verhaltensmuster haben ebenso Vorteile wie Nachteile. Wir sind unglaublich fleißige Bienchen, können aber auch zu fleißig sein. Dabei ist Planen dann ein Hobby und täglich wird einem Zeitplan gefolgt. Ich war immer das perfekte Beispiel dafür. Ich habe gar nicht gewusst, dass es Personen auf diesem Planeten gibt, die es tatsächlich anders machen. Denn für mich macht das Ganze natürlich Sinn.

Aber das ist gerade der Punkt, es macht Sinn, es ist effizient.
Muss der „Sinn“ von etwas immer die Effizienz und der, am Ende der Handlung stehende Erfolg in dieser Welt ?

Australier sind sehr ungeplante Menschen. Ihr Wert ist es, das Leben zu genießen. Beziehungsweise steht Erfolg, in der Art und Weise, wie ich es kannte, nicht an erster Stelle. Man kann auch mal andere Abzweigungen nehmen. Pünktlichkeit und überhaupt einen Zeitplan zu haben, sind auch nicht so wichtig. So sommerlich und urlaublich das Land aussieht, so sieht es in deren Köpfen aus. Nicht, dass alles toll und positiv ist, aber sehr relaxed. Das hat mich erst sehr verwirrt, aber das war gut.

GREAT OCEAN ROAD
(eli)

PERTH
(jordan)

To-Do-Listen, ebenso wie Zeitpläne sind in meiner Komfortzone. Aber gleichzeitig bin ich ein spontaner Mensch.
Ein freiheitsliebender Mensch, der diese noch nicht gefunden hatte. Eben deshalb bin ich nach Australien gegangen. Um meine Freiheit zu finden. Wie sehr ich mir dabei vorher immer im Weg stand, wusste ich gar nicht. Aus meiner Komfortzone raus zu treten und nicht alles zu planen, in den Tag zu leben und ein wenig einem australischen Leben zu folgen, war zuerst nicht einfach.

Aber diese zwei Extreme und der kleine, aber gute Kulturschock haben mich den Mittelweg finden lassen.

Der Mittelweg zwischen dem fleißigen Bienchen und dem Genießer.

HIPPIE MARKET

Ich habe mich so frei auf meinen Roadtrips gefühlt. Nicht zu wissen wo man abends schläft, was man erfährt und wie weit man kommt. Hat mich anfangs echt unruhig gemacht, aber es tat so gut.

Wäre ich nur ein paar Wochen als Tourist dort unten gewesen, hätte sich mein „Sonne-und-Strand-Bild“ nicht viel verändert. Nach einem Jahr jedoch hat es diesem schlummernden Gefühl der Freiheit in mir mehr Stärke gegeben. Jetzt geht es nur noch daran, das zu halten.

BRISBANE

1 Comment

  1. D.

    Jaja, die deutsche Effizienz. Das trifft es echt gut, und im Moment fühle ich mich total erdrückt davon. Du machst mir mit deinen Worten Mut und Freude auf andere Kulturen, die Welt ist schließlich nicht gleich die Welt. Diesen Eintrag habe ich heute gebraucht. Danke dafür:)

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