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Bitte genau so hoch wie die Wolkenkratzer.

Erlebnisse in Australien, die das höchste Maß an Glück erzeugen müssen. Vor wem eigentlich? Selbsterzeugter Druck.

Der Druck, der sich aufgebaut hat indem ich meine kleine Umgebung verlassen habe und ans andere Ende der Welt geflogen bin, in dem Glauben, dass alles aufregend und schnell und wunderbar sein muss. Dieses Gewicht wird mich ansonsten noch unter sich begraben. Zwischen den riesigen Wolkenkratzern zu sitzen und von sich selbst zu erwarten, eine tolle, tolle Zeit zu haben, bewirkt genau das Gegenteil.

„What are you up to today ? oder „Are you traveling or searching for a job ?“ fragt mich der Typ vor dem Travelshop direkt neben meinem momentanen Hostel jeden Tag aufs Neue. Und ist man der Frage dann entgangen, wartet bereits der nächste derartige Shop fünf Meter weiter auf einen. Gleiche Angebote, gleiche Empfehlungen, nur anderer Name und natürlich so viel besser.

Und das nicht nur in meiner Straße, nein, zu Tausenden über die ganze Stadt, über ganz Australien verteilt.
Dieser Kontinent scheint sich von seinen abenteuerlichen Ereignissen des Lebens zu ernähren. Sei es eine Bustour voller Wunder entlang der Ostküste, Tauchen zwischen bunten Fischen oder einen Van zu mieten.


All diese Angebote, da jeder Backpacker hier ja seine Zeit bloß genießen muss. Und dabei bitte alles dokumentieren. Jede einzelne typische „Ich bin ein Backpacker in Australien“-Erfahrung.

Versteht mich nicht falsch. So ein Skydive oder Bungee Jump ist definitiv etwas Erstrebenswertes. Auch auf meiner Liste steht das Surfcamp drauf. Aber jedes Ereignis fühlt sich so erzwungen und gleich dem anderen an. Genauso künstlich, wie der Wettbewerb um die meisten Reise-und-Erlebnis-Bilder auf Instagram.


Soziale Netzwerke überfüllt.

Und am besten all sein Glück, ob gezwungen oder nicht, auf ein Jahr zu komprimieren und zu glauben, dass es das glücklichste deines Lebens ist.
„Weil es die Zeit deines Lebens ist.” Nein, ist es nicht. Es ist mein Leben. Es ist einfach das, was ich momentan tue. Und auch wenn ich das nun endlich weiß, muss es noch ankommen.

Da hat sich ein Druck aufgebaut, indem ich meine kleine Umgebung verlassen habe und ans andere Ende der Welt geflogen bin, in dem Glauben, dass alles aufregend und schnell und wunderbar sein muss. Dieses Gewicht wird mich, ohne das Ankommen der Info “Es ist mein Leben, nicht die Zeit meines Lebens”, noch unter sich begraben. Zwischen den riesigen Wolkenkratzern zu sitzen und von sich selbst zu erwarten, eine tolle, tolle Zeit zu haben, hilft dabei nicht.

Nach einer Weile fühlt es sich eher an, als würden sie auf dich herab starren und erwarten, dass du deinen Erfolg und dein Glück genau so hoch aufbaust. Dabei erinnere ich mich daran, und manchmal kommt es zurück, dass ich es unglaublich und schön fand, rauf zu schauen und nicht begreifen zu können, wie etwas so viel höher als ich sein kann.

Gleichzeitig weiß ich, dass ich mir das hier erträumt habe. Immer die Möglichkeit haben, etwas zu tun, morgens nur die Straße überqueren zu müssen, um Kaffee zu bekommen, immer unter Menschen zu sein. Freiheit zu fühlen.

Gleichzeitig kann ich mich unter all den Menschen alleine und verloren fühlen. Verloren zwischen all den Möglichkeiten.
Aber was mich am meisten unter Druck setzt, ist mein ständiges Herumrennen, von einer Sache zur anderen. Dabei versuchen, meinen Tag mit Tätigkeiten zu füllen, die mich ja glücklich machen und die ich mögen würde.
Bloß keinen Tag oder Abend ohne irgendetwas Aufregendes verbringen.

Immer unterwegs sein.
Weil ich erzählen muss, wie toll es war. Was die Stadt alles zu bieten hatte, wie wunderbar das Leben doch momentan ist. Voller Ereignisse, voller Abenteuer.
Unvergesslich.
Dabei ist es so viel Druck, zwanghaft etwas zu suchen, das einen glücklich macht. Am besten so, dass die Glücksgefühle schon im Vorhinein durch den Körper rennen.

In meinem Hinterkopf schwirrt – es ist tatsächlich schwer das auszusprechen, weil es so idiotisch klingt – fast dauerhaft eine Vorstellung der Zukunft rum:
Alle Welt fragt mich, wie Australien denn war. Was ich so erlebt habe. Und dann das Gefühl der Angst, nichts Unglaubliches erzählen zu können und dass es niemand verstehen würde.

Es geht um mehr als nur die Klischee-Sachen, die du auf Instagram hochladen kannst und sagen kannst: „Guck mal, das war das Ereignis meines Lebens“ oder „Ich habe genau das gemacht, was die Stadt überall plakatiert“.

Aber warum ist dieses dumme Bild von “Ich muss der Welt beweisen können, das Australien toll war” überhaupt in meinem Kopf ?
Es ist doch meine Zeit, mein Leben. Vor wem glaube ich mich rechtfertigen zu müssen ? Wann habe ich angefangen, meine Reise als eine Art Challenge zu sehen ?

Im Endeffekt bin nur ich die Person, die sich das Muss auf Glück einredet. Diejenige, die versucht, Erlebnisse über den Wolkenkratzern zu haben.

Keine Erwartungen. Genau das muss bei mir ankommen. Kein Druck.

1 Comment

  1. Marie

    Ganz viel Liebe für deinen Text!
    Ich kann das nachfühlen, ich fühle mich auch oft überwältigt von den vielen Möglichkeiten die das Leben bietet.

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