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Prioritäten und Freiheit

Wie sich Prioritäten verschieben können und sexistische und rassistische Ideale die Norm sind. Farmwork in Australien.

Aufgewacht im Auto auf irgendeinem Feld in einem kleinen Örtchen ohne feste Unterkunft und seit Langem nicht mehr so sicher gefühlt.


Wenn das Radio zu einer der priorisiertesten Sachen am Tag wird. Nur, um nicht unter dem Baum aufzugeben und heimzugehen. Kündigen und gehen.Wäre zu einfach, zu gut.

Cairns

Von Melbourne aus ging ich nach Queensland. Schon in den ersten Tagen war ich verdammt wütend darüber, wie rassistisch und sexistisch die Welt hier ist. Es gibt keine Arbeitsklamotten für Frauen, ein Farmer, der keine Engländer als Arbeiter aufnahm. Ebenso enttäuscht war er, als vor ihm meine Freundin und ich standen, statt zwei männlichen Personen. Diese Denkweisen haben sich tatsächlich, in der Zeit in der ich hier war, nicht geändert und ich bin überrascht wie sehr ich es akzeptiert habe.
Ich meine, was hatte ich für eine Wahl ? Farmarbeit ist die Möglichkeit, um am schnellsten Geld zu machen und bietet die Chance auf ein zweites Jahr Australien. Also habe ich mich durchgequält, versucht irgendeine Motivation zu finden und die Tage rumzukriegen.
Es haben ja schon andere geschafft, nicht wahr ? Und paar Tage unglücklich sein ist doch nicht die Welt oder ?

Innerhalb von vier Wochen haben sich meine Prioritäten von mir selbst weg, rein auf Geld bewegt. Während meine Haut angefangen hat, sich von meinen Händen zu lösen vom vielen Mangos in Kisten stopfen, wurde ich immer gestresster und unglücklicher.
Ich dachte, die Farm wäre das Problem, also auf zur Nächsten.
Irgendwann in der Zeit fing ich an zu glauben, dass es richtig und okay ist, uns wie Tiere zu behandeln. Oder zumindest dass ich es akzeptieren muss. Dass ich akzeptieren muss, nun jede einzelne Limette vom Baum zu pflücken. In der richtigen Größe natürlich.

Prioritäten weg vom momentanen Glück und Komfort hin zu Geld und das was eben sein muss. Kopf aus und durch.
Melbourne Nov

Es ist die eine Sache, einen nicht genießbaren Job zu haben und einen nicht sehr netten Chef. Eine andere aber rassistisches, sexistisches Verhalten kombiniert mit schlechter Bezahlung über sich ergehen zu lassen. Neben dem genannten Verhalten wird man dann auch noch wie Abfall behandelt, denn nichts außer die Frucht zählt. Die grüne Frucht im grünen Baum oder die exakt den Vorgaben gerechte Mango.
Die Bezahlung bleibt trotz Kratzern und Allergien, die sich als Ausschlag mit Juckreiz ausbreiten, beim Mindestlohn. Währendessen sollte man immer noch in der prallen Sonne bei 35 Grad Schnelligkeit und „harte Arbeit“ beibehalten. Tust du das nicht, kannst du wieder zurück zu deinem momentanen Schlafplatz gehen. Daran wird man auch immer mit den Worten „If you can’t do this job, you can go back to the hostel“ erinnert.

Und wer kümmert sich um die Rechte der Backpacker und deren Gesundheit ?

Niemand, denn da gibt es keine Rechte. Kein Vertrag, Fairness oder Mitgefühl, heißt keine Rechte. Dann wird man auch mal unterbezahlt für die ersten zwei Tage, da der Farmer ja doch nicht so glücklich war. Ausdrücken tut er das, mit dem Anschreien der ganzen Gruppe.

Aber mach deine 88 Tage, dann kannst du wieder zurückkommen, haben sie gesagt. Problem ist nur, nach den drei Monaten willst du wahrscheinlich gar nicht mehr zurückkommen.

Und jeden Tag dann die Frage „Wo ist die rote Linie, an der ich entscheiden darf, dass ich das nicht mehr machen will ? Wo ist die Grenze zwischen „ich habe einen dummen Job“ und des „das ist es nicht wert“ ?
Denn es ist nicht nur die hirnverstümmelnde Arbeit. Die ständige, essentielle Motivation, um tatsächlich wieder hinzugehen ist anstrengend.

Es gibt viele dumme Jobs in der Welt, die erledigt werden müssen, oder erledigt werden. Dennoch, ist es es wert, das Gegenteil von glücklich zu sein ?
So kam ich zu dem Punkt, dass nicht ich die falsche Komponente in dem Ganzen bin. Dem Ganzen, was nicht funktioniert hat. Es war die hier herrschende Situation, die ich versucht habe zu akzeptieren.

Endlich haben wir’s dann doch gemacht. Wir haben gekündigt. Nicht von unterm Baum aus, aber dennoch. Denn nach drei Wochen betäubender Arbeit auf einer Farm ohne Radio und fünf Tagen das Grün im Grün suchen ging es einfach nicht mehr.
Mich zu trauen, nicht den „sichersten“ Weg zu gehen und einfach zu sagen, dass es schon okay sein wird, hat mich etwas Überwindung gekostet. Aber es musste sein. Denn verdammt ich habe die Wahl.

Dann fuhren wir eine Stunde zu unserem alten Hostel, nur um in den Pub zu gehen und unsere Freunde zu sehen. Einfach weil wir wollten. Weil wir entschieden haben, nicht mehr zur verdammten Farm zu gehen.

Unser Frühstück an unserem letzten Tag war dann ein Burger um neun Uhr morgens in unserem Lieblingscafé, Weil wir sonst immer viel zu deutsch denken. Viel zu streng und unfrei.

Prioritäten wieder in der richtigen Richtung. Frei und glücklich.

1 Comment

  1. Papa

    Gelesen 🙂 Jetzt stellt sich die Frage Arm, Frei und glücklich oder versklaved (wie schreibt man das eigentlich ?) und nicht arm.
    Aber man wird ja eigentlich geistig arm, wenn man sich versklaven lässt.
    Also Wieder frei und glücklich.
    Auf Zeit muss man den Weg dazwischen finden, in dem man genug Geld zum Leben hat, das Leben noch genießen kann und frei genug ist zu entscheiden.
    Gut ist zu wissen: Eine Wahl hat man immer !
    Viel Erfolg weiterhin! In Liebe Dein Papa

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