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Rückblick: Freiheitstext 2016

Freiheit nervt. Ja, die Existenz von Freiheit nervt mich. Gäbe es sie nicht, wäre mein Leben um einiges leichter, unkomplizierter und weniger anstrengend.

Bretagne 2014

Ein kleiner Einblick in meinen Kopf 2016:

Freiheit

Ich habe das Thema Freiheit schon in Ethik in viele, viele Richtungen behandelt: Willensfreiheit, Handlungsfreiheit, frei von äußeren Zwängen, frei von was weiß ich. Natürlich wäre es informativ, in diesem Text komplett auszuweiten, was genau wir darüber gelernt haben, aber das kann man auch im Internet oder meinen Ethikunterlagen nachlesen. Davon soll dieser Text nämlich nicht handeln. Eben nicht davon, was andere Philosophen oder sonstige schlaue Autoren schlauer Texte bereits der Welt mitgeteilt haben.
Nein.
Dies soll meine eigener Text sein, nicht verallgemeinert, sondern das, was in meinem Kopf über Freiheit umherschwirrt.

Freiheit nervt. Ja, die Existenz von Freiheit nervt mich. Gäbe es sie nicht, wäre mein Leben um einiges leichter, unkomplizierter und weniger anstrengend.

Ich würde mich nicht angegriffen fühlen, wenn meine Eltern versuchen ihre Pflichten zu erfüllen und mir zwecks Erziehung mal nicht „ja“ dazu sagen, wenn ich zu einer Veranstaltung gehen will. Ich kann nicht verhindern, dass ich mich dadurch in meine Freiheit angegriffen fühle. Plötzlich möchte ich nicht mehr einfach nur dahin gehen, ich will unbedingt. Einfach um meine Freiheit auszuleben, um nicht mehr eingeschränkt zu sein, um frei zu sein.
Ich weiß, das hört sich vielleicht schwachsinnig an, aber ich kann nichts dagegen tun.

Ich träume davon, auszuziehen und dann alles selbst bestimmen zu können.Wann jemand zu mir kommt, wann ich heimkomme, oder nachts Müsli zu essen, ohne dass mich meine Eltern darauf hinweisen, dass alle schlafen und es 3 Uhr ist und das man dann kein Müsli essen sollte.
Ja, das klingt jetzt nach typischen Jugendträumen mit der Absicht endlich seine Eltern loszusein, um soviel zu feiern wie man will.
Ganz nach dem Klischee. Aber das ist es nicht.
Meine Eltern sind weder streng, noch sagen sie oft „nein“, wenn ich frage, ob ich irgendwo hingehen darf. Ja, teilweise habe ich gar nicht mehr gefragt, weil ich wusste, dass ich es durfte.
Und trotz dieser Freiheiten, fühle ich mich meiner eigenen beraubt.
Dadurch dass es sie gibt, kann ich mich erst ihr beraubt fühlen.
Dabei müsste ich mich mit meinen 16 Jahren doch am freisten fühlen, höre ich immer die Erwachsenen sagen. Oder „Genieße deine Jugend ohne die vielen Pflichten!“.
Aber ich habe Tage, an denen ich mich gefangener denn je fühle.

Tage, an denen ich mich so unfrei fühle, dass ich am liebsten jemand anders wäre. Und das alles nur, weil ich solch eine Baustelle in meinem Kopf habe. Die Baustelle, auf der überall Konstrukte von Erwartungen stehen, die ich mir selbst stelle, oder die von anderen gestellt werden. Diese Konstrukte üben einen ungemeinen Druck aus, einen bei dem ich mich eingeengt fühle, nicht frei. Und dann sind da noch diese Unsicherheiten, die ihr Unwesen treiben. Die, die mir sagen ich müsste mich verändern, besser sein. Ich würde mich nicht so unfrei fühlen, würde nicht versuchen, frei zu sein, wenn es gar nicht existieren würde.

Neben der Baustelle gibt es noch das „müssen“ und „sollen“, was an jeder Ecke in meinem Kopf rumgeht. Ich sollte vor die Tür gehen, wenn die Sonne scheint, oder ich muss mein Zimmer aufräumen, wenn es unordentlich ist. Oder, noch besser, ich sollte nicht mit abgewetzten Vans, die schon auseinander fallen, in der Öffentlichkeit rumlaufen, denn an Schuhen sieht man, wie gepflegt man ist, nicht wahr ?
Alles totaler Mist. Verschwindet die Sonne, wenn ich nicht raus gehe ? Sterbe ich an Unordentlichkeit ? Fange ich aufgrund von coolen, abgewetzten Vans an zu stinken und sehe ungepflegt aus ?

Es ist komisch, wenn man weiß, dass man nichts von alle dem tun muss , oder es als „Mist“ erklärt, und trotzdem das Muss-Gefühl nicht verschwindet.
Ich fühle mich immer noch teilweise unfrei.
Es hat aber auch irgendwie einen gewissen Reiz, dem Muss-Gefühl zu widersprechen und ihm „Du kannst mich mal“ zuzurufen. Ich würde nicht widersprechen,
gäb es die Freiheit nicht. Ich hätte praktisch weniger Arbeit. Aber dem Reiz zu folgen und dem Muss-Gefühl zu sagen, wo es mich mal kann, lässt mich, wenn auch nur für eine kurze Zeit, Freiheit fühlen. Die Freiheit, alles schaffen zu können, auch wenn es nicht so ist.

Eben das ist es, ich fühle mich nicht ganz unfrei, denn die Freiheit existiert. Es gibt sie. Ich könnte mir nicht vorstellen, das es sie nicht gäbe, zum einen, weil es komisch ist, wenn etwas nicht mehr existiert, wenn es selbstverständlich ist, dass es es gibt.

Zum anderen, weil es für mich eines der schönsten Gefühle und Dinge der Welt ist.

Das Gefühl der Freiheit, alles schaffen zu können, habe ich auch, wenn ich „Sex and the City“ schaue. Klingt nun etwas seltsam, ist aber so. Ich bekomme neben dem Gefühl auch eine ungemeine Motivation, wenn ich den 4 Frauen zuschaue, wie sie in einer riesigen Stadt rumlaufen und ihr Leben (fast) ohne Verpflichtungen genießen. Ich kann nicht genau sagen, was genau mich daran so fühlen lässt, als ob ich alles schaffen könnte. Vielleicht ist es diese Stadt, die riesige Stadt New York. Die Möglichkeiten, die sich in einer großen Stadt generell bieten, das Leben, dass eine große Stadt ausstrahlt. Tagsüber, sowie in der Nacht.
Menschen, die von normal bis komplett verrückt alles darbieten und schöne Ecken, die entdeckt werden wollen. Ich fühle mich sofort etwas freier, wenn ich auch nur daran denke, mal in einer großen Stadt zu leben.
Aber gleichzeitig habe ich auch mal Momente, in denen ich mich in mein kleines Zimmer verziehe, mein Handy weglege und keine Menschen sehen kann. Dieses Jahr nach den Sommerferien hatte ich tatsächlich so eine extreme Phase, in der ich auch meine Freunde einfach nicht sehen wollte.
Ich wollte alleine sein, keine Probleme hören, keine Antworten geben müssen, mich einfach nur verkriechen und in meiner eigenen Welt leben.
Aber auch dann fühle ich mich, trotz der wenigen Abwechslung und des kleinen Raumes, in dem ich mich dann hauptsächlich bewege, frei.

Es gibt ein paar Tage in diesem Jahr, die ich mit „Freiheit“ verbinde. Wenn ich darüber nachdenke, war es als ich an einem Trinkspieleabend betrunken war. Wenn ich betrunken bin, sind meine Hemmungen wirklich nicht sehr hoch und ich bin noch ehrlicher und direkter zu allen, als sowieso schon. Das nur als kleine Info vorne ab, aber das ist bei jedem eigentlich so. Es sprudelt dann alles mögliche aus mir raus und mir ist es so egal und ich tue einfach das was ich will.
Hemmunglos eben.
Allein das verleiht mir schon ein Freiheitsgefühl. Naja bis zum nächsten Tag, wenn ich dann den Kater und teilweise die Peinlichkeit spüre, aber das ist es mir wert.

Jedenfalls habe ich mit Freunden, wie gesagt, unseren ersten Trinkspielabend gemacht und ich war wirklich noch nie so befreiend und so schön betrunken.
An diesem Abend hat bei jedem von uns, glaube ich, einfach nur Ungeniertheit geherrscht. Keine perverse Ungeniertheit, schöne, freundschaftliche Ungeniertheit und Ehrlichkeit. Das Gefühl, dass man keine Peinlichkeit spüren muss oder spüren wird, dass alle wirklich Spaß haben, hat den Abend für mich total frei gemacht.

Ich habe auch noch einen anderen Tag, der mir sofort einfällt, wenn ich an freie Momente denke: das Silbermondkonzert, auf dem ich war. Ich kenne die Band seit ich 8, oder sogar jünger bin, und kannte so ziemlich jedes Lied auswendig. Ich war mit meiner besten Freundin da, was das Ganze noch besser gemacht hat. Die Sängerin selbst war so schön offen und ungeniert, hat vor Schweiß nur so getropft und ist trotzdem noch voll abgegangen.
Aber noch mehr liebe ich die Erinnerung an die Abende, als der Sommer angefangen hat und meine beste Freundin und ich diese mit Fahrrädern in der Stadt verbracht haben. Als man länger draußen bleiben konnte, weil es so warm und noch hell war. Es fühlte sich so problemfrei an, so als gehörte uns die Welt. Oder auch nur Saarbrücken. Mit dem Fahrrad.

Ich hätte weniger Arbeit, es wäre weniger anstrengend und einfacher, gäbe es die Freiheit nicht und würde ich sie nicht wollen. Aber das ist es mir wert.

Es lohnt sich eben dafür Peinlichkeit zu spüren, oder meinen Eltern zu widersprechen, oder gar mich zu überwinden, um nicht auf das Muss-Gefühl zu hören, um das schöne Gefühl zu bekommen. Und das wiegt bei weitem mehr, als dass mich diese Existenz und mein Streben nach der Freiheit nervt. Und allein diesen Text so schreiben zu können, wie ich es wollte, ohne Sanduhr-Prinzip, These-Beispiel-Wechsel, und fast unzensiert hat mich mich wieder ein wenig frei fühlen lassen.

1 Comment

  1. Marie

    Wow! Du triffst es genau. Mir geht es oft ähnlich, das Muss-Gefühl das einem im Kopf herumschwirrt, und nicht verschwinden mag, egal was man tut. Das Wissen, dass die Freiheit besteht, verursacht auch ab und mal ein schlechtes Gewissen. “Ich sitze drinnen bei dem schönen Wetter”, “ich sollte dies/ das machen”, etc.

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